Deutschland: +49 (0)89/420 95 98 95
USA Subscription Renewals: +1-866-830-4410
EMEA: +353 1 6919191
Der Hamburger Online-Automarkt Mobile.de setzt konsequent auf Open-Source-Produkte. Dreh- und Angelpunkt der größten deutschen Gebrauchtwagenbörse ist die Open-Source-Datenbank MySQL. Nach Auskunft von Vorstand Vijay Sapre ist sie nicht nur erheblich kostengünstiger, sondern auch wesentlich schneller als die Datenbanksysteme der Konkurrenz.
Nicht alle Unternehmen der New-Economy endeten tragisch: Der Online-Automarkt Mobile.de gehört zu den seltenen Erfolgsgeschichten. Das Unternehmen begann 1996 in einem Kellerraum in Hamburg-Eimsbüttel mit einem 386er-PC und der Idee, Anbieter und Käufer von Gebrauchtfahrzeugen online zusammenzubringen.
Lizenzgebühren für Software standen bei Mobile.de von Beginn an nicht auf dem Budgetplan. "Etwas anderes als Open-Source-Software hätten wir uns gar nicht leisten können", sagt Ralf Prehn, einer der beiden Gründer, Technik-Chef und Leiter der Produktion von Mobile.de. Im Mittelpunkt der IT-Landschaft steht die Datenbank MySQL, die unter den Bedingungen der "General Public License (GPL) kostenlos verfügbar ist. "Vor einigen Jahren, als unser Geschäft richtig anzog, haben wir auch ein Angebot von Oracle eingeholt", erinnert sich Prehn, "die hatten uns ein Lizenzmodell angeboten, das auf der Anzahl der Zugriffe basierte." Dabei kam ein "für unser junges Unternehmen absurder Betrag, um die zweieinhalb Millionen Mark jährlich", heraus. "Das hätten wir nicht bezahlen können", konstatiert sein Gründungskollege und Vorstand von Mobile.de, Vijay Sapre. "Wenn wir nicht auf Open-Source-Software setzen würden, wären wir jetzt auch nicht profitabel. Den heutigen Gewinn von Mobile.de würden die Lizenzgebühren auffressen."
Mobile.de setzte im ersten Halbjahr 2003 mit rund 100 Mitarbeitern zehn Millionen Euro um und schreibt seit 2001 schwarze Zahlen. Mehr als 16 000 Kfz-Händler und rund 10 000 Privatanbieter nutzen die Plattform, über die jeder fünfte Gebrauchtwagen in Deutschland verkauft wird. Um die 800 000 Fahrzeuge sind im Bestand; mit fast 600 Millionen Seitenabrufen monatlich gehört die Website zu den meistgenutzten in Deutschland.
Der Umgang mit quelloffener Software ist für die Gründer aber keineswegs eine Notlösung, sondern geschieht aus Überzeugung. Auch spätere Tests mit anderen Datenbanken bestätigten sie in ihrer Entscheidung pro Open-Source. "Wir haben auch andere Datenbanken auf unsere Anforderungen hin getestet - keine war allerdings annähernd so schnell wie MySQL", berichtet Produktionsleiter Prehn. Ihm kommt zugute, dass sich seine Anforderungen an das Datenbanksystem exakt mit dem Leistungsspektrum von MySQL decken. "Wir benötigen keine Transaktionsverarbeitung, sondern vor allem die schnelle Verarbeitung von großen Datenmengen und gewaltigen Zugriffszahlen." Und genau das liefert die Datenbank von MySQL, deren Basisversion im Vergleich zu lizenzpflichtigen Produkten weniger Funktionen aufweist. "Bei lizenzpflichtigen Datenbanken würden wir vor allem für Features bezahlen, die wir nicht benötigen und die die Verarbeitung verlangsamen", meint Prehn.
Nicht nur Kosten- und Performance-Vorteile sind für Prehn und Sapre entscheidend: Sie glauben an die Idee, gemeinsam mit anderen Entwicklern bessere Software entwickeln zu können und vor allem die Abhängigkeit von großen Softwareanbietern zu vermeiden. Mit dem Support ist er ausgesprochen zufrieden. "Wenn ich bei MySQL anrufe, habe ich nicht einen Vertriebsmitarbeiter am Telefon, sondern spreche mit dem Softwareentwickler, der sich mit meinem Problem kompetent auseinander setzt", schildert Prehn seine Erfahrungen. Die Betreuung sei kooperativer und umkomplizierter als die kommerzieller Softwareanbieter. Auch deshalb zahlt er freiwillig für Supportleistungen wie den "Extended login Support", die er jedoch noch nie in Anspruch genommen hat. Aber ebenso wie die Schulungen, die Prehn für sich und seine Mitarbeiter regelmäßig bei MySQL bucht, sollen die Zahlungen hierfür dem schwedischen Softwarehaus zu Einnahmen zu verhelfen. "Die Open-Source-Idee kann nur funktionieren, wenn man nicht nur nimmt, sondern auch bereit ist, selbst etwas dazu beizutragen", sagt Vorstand Sapre.
Die Gründer von Mobile.de unterstützen MySQL nicht nur mit Geld: Darüber hinaus stellen sie der Open-Source-Gemeinde eigene Entwicklungen zur Verfügung. Bei einigen Modulen ist das Unternehmen sogar federführend. "Sicher spielt es auch eine Rolle, dass Mobile.de zu den größten und wichtigsten Referenzkunden von MySQL gehört, während wir bei anderen nur ein unbedeutender Kunde wären", meint Sapre. Trotzdem führt er die gute Zusammenarbeit mit den Schweden und anderen Open-Source-Entwicklern nicht auf diesen Sonderstatus zurück, sondern darauf, dass das weltweite Open-Source-Netzwerk mindestens ebenso gute Ergebnisse liefere wie die Entwicklungsabteilung eines Softwarekonzerns.
"Wir erreichen damit die größtmögliche Unabhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern", so Sapre. Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass für die Lastverteilung im Mobile.de-Netz nicht ein Standardprodukt zum Einsatz kommt, sondern eine selbst programmierte Lösung auf Basis des Linux-Virtual-Server. Mit einer Mannschaft von rund 30 Mitarbeitern hält Prehn die IT am Laufen. Die mehr als 600 Zwei-Prozessor-PCs unter Linux sind auf drei Standorte in Hamburg verteilt und auf ein Drittel Überkapazität ausgelegt. "Wir entwickeln alles selbst auf Basis von Open-Source-Software - das bietet die größtmögliche Sicherheit", ist Sapre überzeugt. "Denn notfalls haben wir für alle Produkte den Quellcode und können Änderungen selbst vornehmen."
Marten Mickos, CEO von MySQL, wird es freuen. Er beschäftigt rund 90 Leute, die sich um Entwicklung, Schulung und Support der Datenbank kümmern. Auf vier Millionen Installationen weltweit schätzt er die Verbreitung seiner Datenbank - genauer weiß er es nicht, denn die Datenbank ist kostenlos erhältlich und wird rund 30 000-mal täglich von seinen Servern heruntergeladen. Umsatz erzielt er mit Support, Schulung und Firmenlizenzen, die fällig werden, wenn Unternehmen Eigenentwicklungen auf Basis von MySQL vertreiben wollen. Die Kosten für eine Firmenlizenz betragen laut Mickos nur ein Hundertstel derer kommerzieller Anbieter. Allerdings räumt er ein, dass die Funktionalität seiner Datenbank nicht an die der kommerziellen Konkurrenz heranreicht: "Wenn Oracle unter den Datenbankanbietern Chippendale ist, dann sind wir Ikea, sagt der Schwede. Er ist überzeugt, dass vielen Kunden die Grundfunktionen seiner Datenbank ausreichen und dass sie "gerne darauf verzichten, für Funktionen zu bezahlen, die sie nicht brauchen.
Zu seinen Kunden gehören Unternehmen wie Yahoo, Texas Instruments, Motorola und die Nasa. Eine komplette Open-Source-Landschaft wie bei Mobile.de ist allerdings die Ausnahme. Zwar laufen nach Mickos' Schätzung etwa 80 Prozent der MySQL-Installationen unter Linux. Aber die Datenbank ist für fast alle Betriebssysteme erhältlich, darunter alle gängigen Unix-Varianten, Windows und das Apple-Macintosh-System.
Demnächst will Mickos auch eine Datenbank für gehobene Ansprüche auf den Markt bringen. Der Software-Riese SAP hat seine Datenbanktechnologie mit Quellcode an MySQL weitergegeben. Zusammen mit den Experten von SAP soll die Highend-Datenbank bis zum Ende des Jahres distributionsreif gemacht werden und als kostengünstige Alternative die Ansprüche mittlerer und großer Unternehmen abdecken. Für Mobile.de spielt diese Entwicklung vorerst keine Rolle: Mit der installierten Datenbank ist Prehn vollkommen zufrieden. Ihm ist vor allem eines wichtig: die Unabhängigkeit von Softwareanbietern zu bewahren, verbunden mit der Möglichkeit, eigenständig Änderungen an der Software vorzunehmen. "Das Einzige, was bei uns nicht Open-Source ist, sind die Bios-Chips in den Dell-PCs. Und selbst dort wären wir froh, wenn wir sie selbst programmieren und verbessern könnten", sagt der Leiter der Produktion.
Hinweis: Dieser Bericht wurde in der CIO 11/2003 abgedruckt und wurde außerdem auf der CIO-Webseite www.cio.de/index.cfm?Pageid=259&cat=det&sic=1&maid=2858 veröffentlicht

